Cancel documenta 14!

veröffentlicht um 27.11.2013, 10:56 von Hermann Josef Hack   [ aktualisiert: 27.11.2013, 11:08 ]

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Hermann Josef Hack fordert: Lasst die nächste documenta wegen der Klimakatastrophe ausfallen

In einem offenen Brief (siehe Anlage) an den soeben gekürten Leiter der kommenden Weltkunstschau documenta 14, die 2017 in Kassel stattfinden soll, fordert der Künstler Hermann Josef Hack, eben diese documenta ausfallen zu lassen.
Die Kunst rühme sich seit Jahrhunderten, Wegbereiter für gesellschaftliche Umwälzungen und Seismograph für kulturelle Veränderungen zu sein. Was den Klimawandel angehe, habe sie leider auf ganzer Linie versagt, so Hack, der bereits die vorletzte
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documenta 2007 zum Klimaflüchtlingslager erklärt und symbolisch ein Flüchtlingszelt in Kassel errichtet hatte. „Jedenfalls haben alle etablierten Künstler/innen und Kultureinrichtungen zu lange die revolutionäre Umgestaltung ignoriert bzw. negiert, welche sich durch eine Klimakatastrophe vollzieht. Zu sehr scheint die offizielle Kunstszene sich mit denjenigen arrangiert zu haben, welche unaufhaltsam mit ihrer Gier nach noch mehr Ressourcenverbrauch den Treibhauseffekt verstärken und es nicht zugeben wollen, dass wir bereits den point of no return längst überschritten haben“, so Hack in seinem Brief. Der Kunst fällt noch immer eine besondere gesellschaftliche Verantwortung zu, jedenfalls hat sie sich bisher stets einer Vorreiterrolle gerühmt. „Entweder, sie hat uns nichts mehr zu sagen, dann macht es eh keinen Sinn, sie in einem großen Spektakel zu zelebrieren, oder sie stellt die falschen Fragen – beides Gründe, um einmal auszusetzen,“ provoziert Hack.

Statt dessen plädiert der Gründer des Global Brainstorming Projects, mit dem er 1992 als Teilnehmer des documenta IX-projektes „Van Gogh TV – piazza virtuale“ schon damals Umwelt- und Klimaforscher an entlegenen Orten der Erde auf ihren Expeditionen direkt mit Fernsehzuschauern z.B. über die Auswirkungen des Ozonlochs kommunizieren ließ, dafür, die Spielorte der Kunst für die Unterbringung kommender Klimaflüchtlinge zu nutzen.
Schließlich appelliert Hack an Adam Symczyk und alle Kulturschaffenden, die documenta-Pause zu nutzen, um sich neu aufzustellen und das künstlerische Potential zum Überleben aller auf unserem Planeten einzusetzen, damit es in der Folge weitere documenta-Ausstellungen überhaupt wird geben können.
Foto oben: Hermann Josef Hacks Klimaflüchtlingszelt auf dem Campus der Universität Kassel während der documenta 12 2007


Foto darunter: Hermann Josef Hack ruft während der Eröffnung durch Bundespräsident Köhler die documenta zum Klimaflüchtlingslager aus (Foto: Lotty Rosenfeld, Teilnehmerin d 12)
english version
 
Hermann Josef Hack postulates: cancel the upcoming documenta because of the climate change catastrophe
In an open letter to the just designated director of the following documenta 14 art exhibition, which will take place in Kassel, Germany, every five years, German artist Hermann Josef Hack reclaims  to cancel the upcoming show in 2017.
As all kinds of artists boast the innovation and creative power of art over the centuries, regarding themselves as pathfinders and pioneers and even seismometers tracing social and cultural revolutions –  concerning climate change impacts, they totally failed, Hack states.
The area of the next to last documenta was declared a climate refugee camp by Hack who placed a big refugee tent in the middle of the Kassel University campus and proclaimed his declaration when the German Bundespräsident Horst Köhler opened the documenta in June 2007 (View photo taken by documenta 12 artist Lotty Rosenfeld attached).
Hack accuses the established art scene to act in collusion with those who boost climate change because of their mammonism and who will not admit that the point of no return is already passed.
“If contemporary arts have nothing to say according to this concern, it does not make sense to celebrate such a big art event. If contemporary artists pose the wrong questions, there is either no reason to party,” Hack provokes the art scene.
Instead the founder of the Global Brainstorming Project, having been part of the documenta IX project “Van Gogh TV – piazza virtuale” that connected climate researchers with the public via interactive television broadcasts,  pleads for a rededication of the documenta campus into climate refugee camp grounds to welcome forced migrants.
Finally, Hack appeals to documenta direktor Adam Symczyk to take benefit of the documenta intermission for reflection and restart of the art potential to use it for the survival of mankind on this planet. So that there will be a chance to celebrate many more documenta shows in the future.
capture above: Hack’s climate refugee tent placed in the Kassel university campus during documenta 12 in 2007
capture below: Hack declares the documenta 12 a climate refugee camp during the opening by the Bundespräsident of the Federal Republic of Germany Horst Köhler, photographer: Lotty Rosenfeld

Herrn Adam Symczyk

documenta und Museum
Fridericianum
Veranstaltungs-GmbH

Friedrichsplatz 18
34117 Kassel

 

Lieber Adam Symczyk,

herzlichen Glückwunsch zur Ernennung zum Leiter der documenta 14!

Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass die documenta 14 ausfallen muss – wegen der Klimakatastrophe.

Schon die documenta 12 hatte ich bei der Eröffnung durch Bundespräsident Köhler zum Klimaflüchtlingslager erklärt und auf dem Campus der Uni Kassel ein Klimaflüchtlingszelt errichtet. Damals wollte niemand wahrhaben, was inzwischen durch Wissenschaftler, mit denen ich bereits 1992 im documenta IX-Projekt “Van Gogh TV – piazza virtuale” über die Folgen globaler Veränderungen gearbeitet habe, nachgewiesen ist: Der Klimawandel ist unumkehrbar eingetroffen und trifft am härtesten die Verwundbarsten und Schwächsten. Sie werden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und die bislang größte Migrationsbewegung in Gang zu setzen.

Nicht nur die Räumlichkeiten des Fridericianums und die anderen Spielstätten der documenta in Kassel, sondern auch alle anderen Ausstellungshallen und Museen werden für die Unterbringung von Klimaflüchtlingen konfisziert.

Die Kunst rühmte sich seit Jahrhunderten, Wegbereiter für gesellschaftliche Umwälzungen und Seismograph für kulturelle Veränderungen zu sein. Was den Klimawandel angeht, hat sie leider auf ganzer Linie versagt. Jedenfalls haben alle etablierten Künstler/innen und Kultureinrichtungen zu lange die revolutionäre Umgestaltung ignoriert bzw. negiert, welche sich durch eine Klimakatastrophe vollzieht. Zu sehr scheint die offizielle Kunstszene sich mit denjenigen arrangiert zu haben, welche unaufhaltsam mit ihrer Gier nach noch mehr Ressourcenverbrauch den Treibhauseffekt verstärken und es nicht zugeben wollen, dass wir bereits den point of no return längst überschritten haben. Fragt man, wer sind die erfolgreichen Sammler und Förderer zeitgenössischer Kunst, wer finanziert die großen Ausstellungen und Preise, finden sich schnell Zusammenhänge mit großen Energiekonzernen, Banken, Versicherungen und anderen Treibern des weltweiten CO2-Ausstoßes. Wo waren Künstler/innen, als es galt, den Wahnsinn zu stoppen und die endgültige Zerstörung unseres Planeten zu verhindern? Bis auf ganz wenige Einzelkämpfer, die sich gegen den Strom gestellt haben und es noch immer verzweifelt tun, hat sich die Kunstszene dem Markt unterworfen und denen gehuldigt, die ihr mehr Aufmerksamkeit und materielle Aufwertung versprachen.

Als Folge einer selbstverliebten zukunftsunfähigen Kunstszene sollte die nächste documenta konsequenter Weise ausfallen. Ein Zeichen, dass es jetzt ernst ist, sich mit den wirklich wichtigen Fragen auseinander zu setzen.

Das heißt nicht etwa, dass man einfach nichts tut und die Hände in den Schoß legt – vielmehr gilt es, die Zeit zu nutzen, um die kreativen Fähigkeiten aller zu bündeln. Statt zu resignieren und in Fatalismus zu verfallen, sollten wir gemeinsam Strategien und Lösungen entwerfen, wie wir die nicht mehr zu verhindernde Klimakatastrophe abmildern und die sozialen Folgen weltweiter Migration und Umverteilung gerecht verteilen. Das ist eine kulturelle Herausforderung!

Ich rufe Sie daher auf, die documenta 14 zu canceln und das künstlerische Potential in dringendere Aufgaben investieren zu lassen. Setzen Sie ein Signal und geben Sie einen Anstoß, damit die folgenden Generationen sich neu aufstellen und Chancen zum Überleben auf unserem Planeten entwickeln können.

Womöglich wird es danach wieder eine documenta geben können, die an die Tradition der ersten anknüpfen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Hermann Josef Hack